Apathie, sozialer RĂŒckzug, Motivationsverlust: Die sogenannten "negativen" Symptome der Schizophrenie gehören zu den am stĂ€rksten beeintrĂ€chtigenden und schwierigst zu behandelnden. Ein Team der UniversitĂ€t Genf (UNIGE) deckt heute die unerwartete Rolle des Kleinhirns bei deren Entstehung auf, und zwar ĂŒber seine FĂ€higkeit, das zerebrale Belohnungssystem zu modulieren. Dieser bislang wenig erforschte Mechanismus eröffnet Wege fĂŒr neue zielgerichtete und nicht-invasive therapeutische AnsĂ€tze. Die Studie wurde in
Biological Psychiatry veröffentlicht.
Schizophrenie ist eine neuropsychiatrische Störung, die 1% der Bevölkerung betrifft und fĂŒr ihre halluzinatorischen oder wahnhaften Symptome bekannt ist. Die Krankheit ist jedoch auch durch starke Apathie, Schwierigkeiten, Freude zu empfinden, und einen fortschreitenden sozialen RĂŒckzug gekennzeichnet. Diese sogenannten "negativen" Symptome, fĂŒr die es keine Behandlung gibt, sind besonders behindernd.
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Wir zeigen, dass eine verstĂ€rkte Regulation des Kleinhirns ĂŒber das Belohnungssystem mit einer AbschwĂ€chung der negativen Symptome einhergeht und umgekehrt.
Mehrere Studien haben gezeigt, dass Anomalien im Belohnungssystem - und genauer im ventralen tegmentalen Areal (VTA), das Dopamin produziert - mit diesen Symptomen verbunden sind. Das VTA wĂ€re bei Menschen mit Schizophrenie tatsĂ€chlich ĂŒberaktiviert, was den Eindruck erweckt, dass "alles gleich viel wert ist" und somit zu einem Mangel an Motivation fĂŒhrt.
Das Kleinhirn, ein versteckter Regulator
In einer bahnbrechenden Studie zeigt ein Team der UNIGE und der HUG, dass das Kleinhirn eine SchlĂŒsselrolle bei der Regulation oder Dysregulation dieses Mechanismus ĂŒber das VTA spielt. "Unser 'Kleinhirn' beherbergt tatsĂ€chlich 50% unserer Neuronen.
WĂ€hrend es lange Zeit auf seine strikt motorische Rolle beschrĂ€nkt war, entdeckt man heute, dass es auch wichtige emotionale und kognitive Funktionen erfĂŒllt", erklĂ€rt Indrit BĂšgue, Assistenzprofessorin am Labor fĂŒr Neuroimaging und translationale Psychiatrie der Abteilung fĂŒr Psychiatrie der medizinischen FakultĂ€t der UNIGE, am Synapsy-Forschungszentrum fĂŒr Neurowissenschaften und psychische Gesundheit, und Ărztin an der Dienststelle fĂŒr Erwachsenenpsychiatrie der HUG, die diese Arbeit leitete.
Illustration der KonnektivitÀt zwischen dem Kleinhirn und dem VTA.
© Thomas Bolton
Durch die Nachbeobachtung von 146 Patientinnen und Patienten ĂŒber einen Zeitraum von 3 bis 9 Monaten sowie die Analyse einer unabhĂ€ngigen Validierungskohorte konnte das Team erstmals die Vernetzung zwischen dem Kleinhirn und dem VTA im Kontext der Schizophrenie beobachten und beschreiben.
"Wir zeigen, dass eine verstĂ€rkte Regulation des Kleinhirns ĂŒber das Belohnungssystem mit einer AbschwĂ€chung der negativen Symptome einhergeht und umgekehrt. Dieser neuartige Mechanismus eröffnet Perspektiven fĂŒr die Entwicklung zielgerichteter therapeutischer AnsĂ€tze", erklĂ€rt Jade Awada, Doktorandin im Team von Indrit BĂšgue am Labor fĂŒr Neuroimaging und translationale Psychiatrie der Abteilung fĂŒr Psychiatrie der medizinischen FakultĂ€t der UNIGE sowie am Synapsy-Forschungszentrum fĂŒr Neurowissenschaften und psychische Gesundheit, Erstautorin der Studie. Diese Analysen wurden von Jade Awada und Farnaz Delavari, Co-Erstautorin der Studie und Forscherin im Labor von Prof. Stephan Eliez, durchgefĂŒhrt.
Ein zugÀngliches therapeutisches Ziel?
Im Gegensatz zum VTA, das in den tiefen Schichten des Gehirns liegt, befindet sich das Kleinhirn an der OberflÀche, am hinteren Teil des SchÀdels. Es ist daher viel leichter zugÀnglich und kann Ziel nicht-invasiver Interventionen sein, wie der transkraniellen Magnetstimulation. "Dabei werden in der NÀhe der Zielregion des Gehirns - hier des Kleinhirns - Magnetfelder erzeugt, um es zu stimulieren und zu stÀrken. Wir bewerten derzeit die Möglichkeiten dieses GerÀts, um den in unserer Studie aufgezeigten Schaltkreis zwischen Kleinhirn und VTA zu 'heilen'", erklÀrt Indrit BÚgue.
Eine randomisierte kontrollierte Studie, finanziert von der Leenaards-Stiftung (Wissenschaftspreis 2023) und der Privatstiftung der HUG, lĂ€uft bereits mit einer Patientenkohorte am Campus Biotech. Die Ergebnisse werden fĂŒr 2028 erwartet.
Quelle: UniversitÀt Genf