Deutsche Forscher haben gerade gezeigt, dass der Körper nicht nur ein ausführendes Organ der Entscheidungen des Gehirns ist: Er ist ein vollwertiger Akteur. Wenn man die Ausatmung bewusst verlängert, verlangsamt sich der Herzschlag und bestimmte Gehirnregionen werden anders aktiviert, was unsere Bewertung von Risiken und Nutzen verändert.
Lange Zeit gingen die Neurowissenschaften davon aus, dass die Entscheidung aus einer einzigen Berechnung des Cortex hervorgeht. Doch jeder, der vor einer wichtigen Entscheidung Herzklopfen verspürt hat, weiß, dass der physiologische Zustand die Karten neu mischt. Die Neuheit dieser Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift
Neuron, besteht darin, einen kausalen Zusammenhang nachzuweisen: Durch die bewusste Kontrolle der Atmung kann man diese körperliche Voreingenommenheit lenken und als Hebel nutzen, um das eigene Verhalten zu verändern, ohne eine besondere mentale Anstrengung unternehmen zu müssen.
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Der Körper als vergessener Kompass unserer Entscheidungen
Riskante Entscheidungen sind selten das Ergebnis reiner Logik. Das Team von Professorin Soyoung Q. Park am
German Institute of Human Nutrition Potsdam-Rehbruecke rekrutierte 41 Freiwillige, um dieses Phänomen unter kontrollierten Bedingungen zu beobachten. Jeder Teilnehmer musste eine Entscheidung treffen, die ein Risiko beinhaltete, und gleichzeitig einen vorgegebenen Atemrhythmus einhalten. Die Hälfte atmete normal, die andere folgte einem präzisen Rhythmus: zwei Sekunden zum Einatmen, acht zum Ausatmen.
Die Ergebnisse zeigen, dass diese einfache Verlängerung der Ausatmung ausreicht, um das Herz zu verlangsamen und die Variabilität der Intervalle zwischen den Herzschlägen zu erhöhen. Dieser physiologische Parameter ist ein Marker für die Flexibilität des Nervensystems. Vor allem bei den Teilnehmern mit langer Ausatmung veränderte sich die Gehirnaktivität in zwei Schlüsselregionen: dem ventromedialen präfrontalen Cortex und dem Precuneus. Diese Bereiche sind für ihre Rolle bei der Bewertung von Belohnungen und der Regulierung von Emotionen bekannt.
Die Freiwilligen, die diese Atmung anwendeten, trafen riskantere Entscheidungen, jedoch nicht aus Leichtsinn. Entgegen der Annahme unterschätzten sie die potenziellen Verluste nicht. Tatsächlich legte ihr Gehirn einfach mehr Gewicht auf die möglichen Gewinne. Die Risikowahrnehmung blieb intakt, aber die Anziehungskraft der Belohnung wurde stärker, als ob das Gehirn sein Bewertungssystem änderte, ohne dass die Person sich dessen bewusst war.
Eine Atmung zur besseren Selbstregulation
Diese Entdeckungen fügen sich in ein breiteres Konzept der Kognition ein, das als "neuroviszeral" bezeichnet wird, bei dem der körperliche Zustand ständig die höheren mentalen Prozesse beeinflusst. Die Forscher sprechen von einer "transformierenden Rolle" der Atemtechniken. Im Gegensatz zu Medikamenten oder langwierigen Therapien ist diese Methode für alle zugänglich, kostet nichts und ist in wenigen Minuten erlernbar. Sie könnte zu einem täglichen Regulationsinstrument für diejenigen werden, die Schwierigkeiten haben, den ersten Schritt zu tun, oder im Gegenteil, ihre Impulse zu zügeln.
Die potenziellen Anwendungen gehen über den Bereich des Berufslebens oder finanzieller Entscheidungen hinaus. Die Autoren schlagen vor, diese Arbeiten auf Bevölkerungsgruppen mit Angst- oder Depressionsstörungen auszuweiten. Bei diesen Erkrankungen ist die Herzfrequenzvariabilität oft reduziert und die Belohnungswahrnehmung beeinträchtigt. Der Einsatz der Atmung als nicht-medikamentöse Ergänzung könnte einen Teil dieser physiologischen Flexibilität wiederherstellen und die Reaktion auf Behandlungen verbessern.
Der nächste Schritt wird sein, zu überprüfen, ob diese Effekte auch bei übergewichtigen Personen auftreten. Professorin Park erinnert daran, dass Ernährungsentscheidungen eng mit der Bewertung von Belohnungen und dem körperlichen Zustand zusammenhängen. Wenn die Atmung diesen Mechanismus beeinflussen kann, würde sie zu einem einfachen Verbündeten werden, um Gelüste oder Impulse besser zu kontrollieren. Ein vielversprechender Forschungsansatz an der Schnittstelle von Neurowissenschaften und Verhaltensmedizin.
Autor des Artikels: Cédric DEPOND
Quelle: Neuron