Adrien - Dienstag 23 Juni 2026

🧭 Entdeckung: Immunzellen leiten Brieftauben

Brieftauben besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie finden ihr Nest wieder, nachdem sie Hunderte von Kilometern zurückgelegt haben. Lange Zeit hat diese Gabe Wissenschaftler verblüfft. Heute enthüllt eine in Science veröffentlichte Studie einen überraschenden Mechanismus: Immunzellen der Leber könnten in der Lage sein, das Erdmagnetfeld zu erfassen.

Diese Zellen, Makrophagen genannt, sorgen normalerweise für das Recycling alternder roter Blutkörperchen. Dabei sammeln sie Eisen an, das zu Oxid-Nanopartikeln kristallisiert und ihnen superparamagnetische Eigenschaften verleiht. Bei Messungen zeigte die Leber die stärkste magnetische Reaktion aller getesteten Gewebe, weit vor Augen, Schnabel oder Gehirn. Die Wissenschaftler glauben, dass diese Nanopartikel auf Veränderungen des Erdmagnetfelds reagieren und ein für die Orientierung nutzbares Signal erzeugen.


Illustrationsbild Unsplash


Um die Bedeutung dieser Zellen zu testen, entnahm das Team die Leber-Makrophagen von Tauben, die darauf trainiert waren, zu ihrer mehr als zwanzig Kilometer entfernten Voliere zurückzukehren. Bei bedecktem Himmel, ohne Sonnenmarkierung, verloren die behandelten Vögel ihren Orientierungssinn und irrten planlos umher. Bei schönem Wetter hingegen fanden sie ihren Weg zurück, wobei sie vermutlich die Position der Sonne nutzten. Dies zeigt, dass das Magnetsystem unverzichtbar wird, wenn visuelle Hinweise fehlen.

Wie gelangt die magnetische Information zum Gehirn? Die Untersuchung mit dem Elektronenmikroskop ergab, dass die eisenbeladenen Makrophagen in der Nähe von Nervenfasern liegen. Diese anatomische Anordnung deutet darauf hin, dass Veränderungen des Magnetfelds ein elektrisches Signal in den Makrophagen auslösen, das dann an die Nerven und weiter zum Gehirn weitergeleitet wird. Die Forscher beschreiben damit eine neuartige Schnittstelle zwischen Immunsystem und Nervensystem, die an der magnetischen Wahrnehmung beteiligt ist.


Lebergewebe einer Taube: Makrophage (blau) in Kontakt mit einer Nervenfaser (gelb), was die Übertragung magnetischer Informationen zum Gehirn ermöglicht.
Bildnachweis: Lisowski et al. (2026) Science

Die Auswirkungen dieser Entdeckung gehen über die Tauben hinaus. Andere Zugtiere wie Haie oder Schildkröten könnten ähnliche Mechanismen nutzen. Die Autoren weisen auch auf die Möglichkeit hin, dass Säugetiere, einschließlich des Menschen, eine noch unbekannte magnetische Empfindlichkeit besitzen. Der Eisenstoffwechsel und die Immunsignalgebung könnten bislang unerkannte sensorische Funktionen verbergen, was zu neuen Forschungswegen einlädt.

Quelle: Science
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