Ein archäologischer Schatz wurde während des COVID-19-Lockdowns im Jahr 2020 entdeckt, der eine Geschichte vom Trojanischen Krieg erzählt, die sich stark von der uns durch Homer bekannten unterscheidet. Diese überraschende Entdeckung stammt aus einem römischen Mosaik in England und stellt unsere Vorstellungen von der antiken griechischen Kultur in Frage.
Die Fundstelle in Ketton in Rutland brachte dieses Kunstwerk 2020 während einer zufälligen Ausgrabung auf einem Familienbauernhof ans Licht. Zunächst dachten die Forscher, es handele sich um eine klassische Darstellung der Ilias, doch neuere Analysen zeigten etwas Unerwartetes. Das Mosaik wurde schnell zum Nationaldenkmal erklärt, was seine Bedeutung für die britische Geschichte unterstreicht.
Mosaik von Ketton.
Bildnachweis: ULAS
Die eingehende Studie der Universität Leicester deutet darauf hin, dass die dargestellten Szenen nicht mit Homers Erzählung übereinstimmen. Stattdessen scheinen sie von einem verlorenen Stück des Aischylos mit dem Titel "Die Phryger" inspiriert zu sein. Diese alternative Version beleuchtet Episoden wie den Kampf zwischen Achilles und Hektor oder das Abwiegen von Hektors Leichnam gegen Gold – Elemente, die im traditionellen Epos fehlen.
Die künstlerischen Motive des Mosaiks weisen auffällige Ähnlichkeiten mit älteren Werken aus Griechenland, der Türkei und Gallien auf. Diese Beobachtung lässt vermuten, dass die Handwerker im römischen Britannien nicht isoliert waren, sondern Teil eines weitreichenden mediterranen Kulturnetzwerks. Sie nutzten Musterkataloge, die über Generationen weitergegeben wurden.
Mosaik von Ketton.
Bildnachweis: ULAS
Diese künstlerische Integration lässt darauf schließen, dass das Kulturleben im römischen Britannien kosmopolitischer war als bisher angenommen. Die Eigentümer der Villa in Ketton hatten Zugang zu seltenen Erzählungen und zeigten einen Geschmack für ungewöhnliche Versionen der Mythologie. Die Veröffentlichungsarbeiten werden fortgesetzt, um diese Entdeckungen mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu teilen.
Zukünftige Forschungen könnten uns mehr über die Verbreitung dieser Geschichten lehren. Vorerst bietet dieses Mosaik einen wertvollen Einblick in den Kulturaustausch in der Antike und verbindet das römische England mit den klassischen Traditionen des Mittelmeerraums.
Mosaik von Ketton.
Bildnachweis: ULAS
Kulturnetzwerke im Römischen Reich
Das Römische Reich war ein riesiges Territorium, in dem Ideen und Techniken sich leicht verbreiteten. Handwerker und Händler reisten umher und brachten ihr Know-how und künstlerische Traditionen mit sich. Dies schuf einen kulturellen Mix, in dem Regionen wie das römische Britannien mediterrane Stile übernehmen konnten.
Die Präsenz ähnlicher Motive in Griechenland, der Türkei und Gallien deutet darauf hin, dass diese Netzwerke gut etabliert waren. Objekte wie Münzen, Silbervasen und Mosaike dienten als Träger, um diese Designs zu verbreiten. So konnten die Eigentümer römischer Villen im heutigen England ihren Raffinesse zeigen, indem sie seltene Kunstwerke wählten.
Diese Integration zeigt, dass das römische Britannien keine isolierte Peripherie war. Im Gegenteil, es beteiligte sich aktiv an den kulturellen Strömungen der Zeit. Entdeckungen wie die von Ketton untermauern die Vorstellung einer vernetzten antiken Welt, in der Kunst als Bindeglied zwischen verschiedenen Gemeinschaften diente.
Quelle: Britannia